Wahrheit und Politik in der Mediengesellschaft

Patrizia Nanz: Wahrheit und Politik in der Mediengesellschaft. Verlag Klaus Wagenbach. 2013 in der Kindle-Version

Hannah Arendt war eine begnadete und leidenschaftliche Philosophin und politische Theoretikerin, jüdisch-stämmig und in Deutschland geboren. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg muss sie Deutschland verlassen und emigriert in die USA.
Zeit Ihres Lebens beschäftigten sie die „Formen totaler Herrschaft“, die sie sowohl philosophisch als auch politisch beleuchtete. Ihre Stellungnahmen zu den Eichmann-Prozessen und dem Nahost-Konflikt lösten Kontroversen aus und machten Hannah Arendt für ihre Kritiker angreifbar.

Das Buch „Wahrheit und Politik in der Mediengesellschaft“ nimmt ein Essay von Hannah Arendt als Grundlage für die Betrachtung des Spannungsfeldes zwischen Wahrheit und Politik. In Wahrheit und Politik, erschienen 1967 im Magazin The New Yorker, befasst sich Hannah Arendt mit dem Thema und betrachtet die US-amerikanische Politik im Hinblick auf common sense und image making.

Nicht nur Hannah Arendt, sondern auch Patrizia Nanz stellen sich die Frage, was Wahrheit überhaupt ist, wie sie aus Meinungen entsteht und wie „totale Herrschaften“ und PR-Berater in der heutigen Mediengesellschaft diese formen. Spannend ist die Frage, inwieweit Politik und Wahrheit überhaupt vereinbar sind. Lügen Politiker mit Absicht oder sind ihre Meinungen so fest in der eigenen Selbstreflektion verankern, dass sie zur Wahrheit werden?

Vom Vietnam-Krieg über den Irak-Krieg, von autoritären Regimen bis vom Holocaust, von Bush und Blair bishin zu Berlusconi, im Buch „Wahrheit und Politik in der Mediengesellschaft“ lernt man den Begriff aus verschiedenen Blickwinkeln kennen. Gibt es also eine „Wahrheit“, nach der wir alle suchen sollten? Oder brauchen wir Lügen und Halbwahrheiten, die auf Tatsachen beruhen, um daraus eine neue Meinung und schließlich neue Wahrheit zu bilden?

Eine durchaus spannende Frage, die sehr theoretisch und philosophisch klingt. Patrizia Nanz liefert uns jedoch auf Basis der Erkenntnisse der Hannah Arendt, die derzeit in aller Munde ist, eine kritische und leicht lesbare Auseinandersetzung mit der „Wahrheit“.

Wir lernen, dass „Wahrheit“ vielseitig ist (!) und Politik durchaus eigene Deutungen einer Wahrheit verwenden kann, ohne gleich des Lügens beschuldigt werden zu müssen, um einen Konsenz für eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Eine interessante Sichtweise, die nur auch ihre Schattenseiten hat, auf die eben gerade auch Hannah Arendt hingewiesen hat.

Ein durchaus lesenswertes Buch – und das nicht nur für Theoretiker und Philosophen.

– Amazon-Produktbeschreibung –

Der wahre Sinn von Politik ist die Entfaltung eines erfüllten und freien Lebens im öffentlichen Austausch mit anderen.“

Mit dieser emphatischen Losung erläutert Patrizia Nanz das ungewöhnliche Politikverständnis von Hannah Arendt und skizziert in ihrem Aufsatz zugleich, wie weit wir uns heute von diesem Ideal entfernt haben. Zwar konstatierte Arendt schon Ende der sechziger Jahre die Gefährdung des demokratischen Raums, vor allem durch die Verwurzelung der Lüge im politischen Gemeinwesen, welche die Urteils- und Handlungsfähigkeit seiner Bürger zersetze. Mit aktuellen Beispielen belegt Nanz nun aber, wie die Kunst des Lügens in heutigen Gesellschaften durch zwei wesentliche Faktoren dergestalt perfektioniert wird, dass Realität von Fiktion kaum noch zu unterscheiden sind: Die PR-Profis manipulieren die öffentliche Meinung und sogenannte Experten verwissenschaftlichen das politische Tagesgeschäft auf eine Art, die die Politiker selbst an ihren eigenen Betrug glauben lässt. Nanz warnt ebenso vor den Gefahren einer Überanpassung an die Herausforderungen des Medienzeitalters wie vor technokratischen Entscheidungsprozessen und appelliert dafür leidenschaftlich an das politische Verantwortungsgefühl des Einzelnen. Arendts Politikbegriff erinnert uns daran, dass wir selbst für die Schaffung eines „öffentlichen Raums“ und die Rückgewinnung politischer Handlungsspielräume Sorge tragen müssen.

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